Max Peschek (Bremen) – Nachschau Tango for Musicians 2018 Dresden

Die Musiker und die Tänzer, ob sie je wieder so zusammenfinden wie in den 1930-1940ern, als es alleine in Buenos Aires über 200 verschiedene Orchester gleichzeitig gab? Tangotanzen zu Live-Musik wird vielerorts eher geduldet als gefeiert, beide Seiten haben sich voneinander entfremdet. Aber wie würden wir Tänzer die Abende und Nächte verbringen ohne das Geschenk der alten Meister? Und haben wir es vielleicht selbst in der Hand, die Kluft zu überwinden?

So wie mir geht es immer mehr Tänzerinnen und Tänzern: Sie erinnern sich nach ungezählten Tandas an ihre musikalische Früherziehung, entstauben ihr Instrument und machen sich auf den Weg, die geliebte Musik auch mit den Händen oder der Stimme zu erkunden. Auch klassisch ausgebildete Musikerinnen wagen sich auf neues Terrain, visionäre Arrangeure stellen Arrangements mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden frei zur Verfügung. So finden sich in den Tangocommunitys zunehmend Gleichgesinnte und stürzen sich in das Abenteuer, ihr Instrument so zu handhaben, das es tatsächlich wie Tango klingt. Nicht ganz einfach bei einer Musik, die ihre Wurzeln gleichermaßen in afrikanischen Rhythmen, europäischer Volksmusik, Klassik und Jazz hat und das Ganze mit südamerikanischem Temperament würzt.

1952 • Am Anfang war die Musik. Oder doch der Tanz? Klatschen, singen, stampfen, bewegen, nach und nach kommen immer ausgefeiltere Instrumente dazu … Jahrzehntausende gab es Tanz immer nur in Verbindung mit Musik, die im gleichen Augenblick am gleichen Ort von echten Menschen gespielt wurde. So auch im Tango bis zum Ende der Epoca de Oro, irgendwann in den späten vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts muß das gewesen sein. Die jungen Tänzer entdeckten Neues, die großen Ballsäle blieben halbleer, die großen Orchester waren nicht mehr bezahlbar. Ein wagemutiger Veranstalter ging eines Tages das Risiko ein, bei einer Tanzveranstaltung Schellacks abzuspielen, und zu seiner größten Überraschung funktionierte es: Die Tänzer kamen, blieben und tanzten. Der Tango-DJ war geboren.

Um die Weitergabe der musikalischen Tangosprache international zu professionalisieren entstand das Projekt ‚Tango for Musicians’. Egal ob Profi oder Amateur, jeder sollte die Möglichkeit bekommen, die Besonderheiten des Tangospielens zu erlernen. Nach einigen erfolgreichen Jahren in Buenos Aires und Portland (Oregon) findet das Projekt 2018 zum ersten Mal in Europa statt, und in was für einem Rahmen: Die altehrwürdige Hochschule für Musik Carl Maria von Weber im schönen, barocken Dresden. Das Ambiente verleiht dem Tango die längst verdiente akademische Würde. Als einer von über 60 Teilnehmenden wage ich mich mit einer chromatischen Mundharmonika (ja, Hugo Diaz spielte die auch) auf eine musikalische Reise.

Unser hochkarätiges Lehrerteam:

Paulina Fain • ‚La flauta del Tango’
künstlerische Leitung, Herausgeberin der Lehrbuchreihe ‚El método de Tango’ für Musiker

Exequiel Mantega • Komposition und Arrangements
hunderte Seminare und Konzerte u.a. im Duo Fain-Mantega

Ramiro Gallo • Geige
spielte in vielen Orchestern, Komponist und Interpret vieler zeitgenössischer Tangos

Ignacio Varchausky • Kontrabaß
Gründer und Leiter des Orquesta Escuela de Tango und von El Arranque

Adrián Enríquez • Klavier
spielt weltweit in verschiedenen Ensembles

Pablo Jaurena • Bandoneon
Professor für Komposition, weltweite Meisterkurse

Ich mache es mir in meinem Sitz bequem, jedoch der angekündigte ‚Begrüßungsvortrag’ entpuppt sich schnell als gruppendynamische Übung: In nach dem Zufallsprinzip zusammengewürfelten Kleingruppen müssen wir ein musikalisches Quiz absolvieren, anhand von Hörbeispielen Orchester und Titel erraten und Fragen beantworten wie z.B. „Wer trug den Ehrentitel ‚ El bandoneón mayor de Buenos Aires’?“ oder „Wer war ‚El señor del Tango’?“. Meine richtige Antwort auf die Frage nach dem Orchesterleiter, der 1951 das Orchester von D’Arienzo verließ und in der 1970ern sehr erfolgreich wurde, bringt meiner Gruppe Punkte*, aber spätestens bei den Hörbeispielen (u.a. Francini-Pontier und Alfredo Gobbi) muß auch ich passen.

Um dem Lampenfieber von vornherein den Kampf anzusagen (öffentliche Teilnehmerperformance am Ende der Woche!) muß anschließend jede Kleingruppe auf der Bühne gemeinsam einen Tango singen, der Text wird mitgeliefert aber weder Titel noch Noten. Das Lehrerteam improvisiert freudig ein paar Begleittöne, das hilft etwas. Der wohlwollende Applaus unserer Mitschüler und das gemeinsame Lachen sorgen für eine zunehmend ausgelassenere Atmosphäre. Am Ende des Abends spielen unsere Maestros dann noch für uns; nach einem Bandoneonsolo und zwei modernen Stücken für Klavier und Flöte legt sich das Team Leadsheets auf das Notenpult: A4 Zettel, auf denen nur Melodie und Harmonie (Akkorde) verzeichnet sind, für alle gleich, nix ausarrangiertes – einfach mal schauen, wer wann was spielt. Ihr fulminanter Auftritt läßt erahnen, was uns diese Woche erwartet und die Vorfreude steigt noch mal gewaltig an!

1980 • Die Tango-DJs entwickeln ihre Arbeit gut. Stellen Tandas zusammen mit je einem Orchester aus der goldenen Epoche, das erste Stück als von-den-Stühlen-Reißer, das letzte zum Glückshormone ausschütten, dazwischen auch mal etwas Unbekannteres; zwischen den Tandas Cortinas um die Vielfalt der Tanzbegegnungen zu fördern. Es entwickelt sich eine Tanzkultur, die zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ohne leibhaftig anwesende Musiker auskommt. Die meisten Tangomusiker überleben in kleinen Besetzungen oder suchen Trost in elaborierter Musik, die sich vom tanzbaren Metrum entfernt, und machen nur noch Kunst für Sitzende.

Die nächsten fünf Tage sind randvoll: Morgens Instrumentalklassen für Klavier, Bandoneon, Geigen, Kontrabaß und Blasinstrumente, danach spezifische Spieltechniken oder Handwerkszeug für Arrangeure; Nachmittags Ensemblespiel in unterschiedlichen Besetzungen, dann wahlweise ‚Parilla’ (gemeinsames Improvisieren ohne ausgearbeitetes Arrangement) oder Orchesterkunde. Das Niveau der Teilnehmenden ist beeindruckend hoch, viele Voll- oder mindestens Semi-Profis, die schon in eigenen Tangoformationen spielen oder nach einer klassischen Ausbildung den Horizont erweitern wollen; die Verständigung auf Englisch, Spanisch, Deutsch, Niederländisch und Französisch.

Ich schlage mich wacker in der Instrumentalklasse zusammen mit fünf Flötistinnen, Klarinette und Oboe. Die Parilla-Klasse ist mir eine Nummer zu hoch, aber im Parallelkurs stellt Ignacio uns mit großer Begeisterung die Feinheiten der Orchester von De Caro, Fresedo, Francini-Pontier, Laurenz und Piazzolla vor. Der Arrangierkurs zeigt die vielen Hintergründe auf, die aus Musik Tangos macht: Ein solides und abwechslungsreiches rhythmisches Fundament, darüber Melodien, Gegenmelodien und Verbindungen, zuoberst die freie Phrasierung der SängerInnen oder Solisten.

Im Ensemblekurs übt unsere zusammengewürfelte internationale Truppe (Klavier mit drei Pianisten, Kontrabaß, Gitarre, Cello, Mundharmonika sowie 2 Sängerinnen) drei Stücke ein: Garua (instrumental), Quedémonos aquí und Los Cosos de al Lao. Mit tatkräftiger Unterstützung der Lehrer sollen wir anhand von Leadsheets entscheiden, wer wann was spielt und vor allem die Tangosprache erlernen, die spezielle Spielweise, die Musik erst zu Tangos macht. So viele Entscheidungen, die es zu treffen gilt: die Vielfalt rhythmischer Formen des marcáto oder síncopa, Tempo, Dynamik, Textur, Phrasierungen alleine und gemeinsam, expressiv oder knackig … Uns raucht der Kopf, aber es ist toll zu erleben, wie aus anfänglichem Chaos allmählich echte Tangomusik entsteht!

Abends dann noch Hausaufgaben erledigen für die einzelnen Kurse und natürlich üben für das Ensemblespiel. Auch so können Nächte kurz werden. Das lokale Organisationsteam von ¡Bailamos! bietet darüberhinaus themenbezogene Tango-Tanzkurse an, sowie eine Milonga (mit Parilla-Livemusik!), bei der sich unsere Truppe mit der lokalen Tangoszene mischt.

2001 • Junge, gut ausgebildete Musiker entdecken die Musik ihrer Vorfahren für sich und füllen sie mit neuer Energie. Aber die Tänzer rümpfen die Ohren – zu elaboriert, zu komplex, zu fremd, zu neuartig kommt ihnen das vor, der Gesamtklang zu unähnlich der so gelungenen Symbiose aus der goldenen Epoche, in der Tänzer und Musiker sich gegenseitig zu Höchstleistungen antrieben. Die Hörgewohnheiten haben sich auf die damals übliche Spielkultur eingegroovt, Neues hat es da schwer. Viele Tänzer machen frustrierende Erfahrungen mit Orchestern, die der Tanzbarkeit zu wenig Bedeutung beimessen, und so bleibt es für Veranstalter ein finanzielles Risiko, große professionelle Formationen zu engagieren. Eine große Rolle spielt natürlich auch die Art, wie Tango gelehrt wird – zu viele Schrittkombinationen, zu wenig Hörschulung. Damit kommt man als Tänzer über den Grundbeat kaum hinaus und kann mit rhythmischen, melodischen und dynamischen Feinheiten nichts anfangen, geschweige denn spontan improvisieren. Dazu die Navigationsprobleme auf engstem Raum, wenn die Säle doch wieder voll sind. Tanzen zu Live-Musik, eine verlorengegangene Kunst.

Wie es sich für eine Meisterklasse an einer Hochschule gehört, geben die Teilnehmer am Ende der Woche ein öffentliches Konzert, darunter ungewöhnliche Besetzungen: ein Klavierduo, ein Bandoneon-Quartett, ein Flötenquintett, die beiden gemischt zusammengestellten Ensembles sowie die Streicherklasse als Ensemble mit zehn Geigen, 2 Celli und Kontrabaß – bekannte Tangos in ungewöhnlichen Klangfarben. Danach spielen zwei der Gruppen, die sich diese Woche parallel zu den Kursen haben coachen lassen: ‚El Perro Karoshi’ in der genialen Besetzung Geige, Klavier, Baßklarinette und Oboe (sehr gelungene, ausgefallene Arrangements) sowie das Quartett ‚Tango sí’ (je ein Stück im Stil von Pugliese und Troilo). Höhepunkt des Abends ist das Orquesta Típica: 6 Bandoneons, 5 Geigen, Cello, Baß, Klavier und Sängerin. Solch eine Besetzung, wie sie in der goldenen Epoche üblich war, erleben zu können und dazu auf so hohem spielerischem Niveau, ist ein großes Geschenk für jeden Tangoliebhaber!

2018 • Neben der uns Tänzern nahezu unbekannten konzertanten Tangotradition entwickelt sich allmählich eine Richtung, die den Tango als Symbiose von Tradition und Ausdruck heutiger Lebenswirklichkeit mit Tanzbarkeit verbindet. Und Tänzer finden den Mut, sich auf das Abenteuer Improvisation zum persönlichen Stil einer Live-Gruppe einzulassen, sind sogar zunehmend bereit, sich das dafür erforderliche Können zu erarbeiten. Ganz allmählich finden sie wieder zusammen, die Tänzer und die Musiker. Sie nähern sich an, die einen, in dem sie bei aller Kunst ein tanzbares Metrum mitbedenken wenn sie für Tänzer spielen. Die anderen, in dem sie beginnen, sich über das Tanzen hinaus für gelebte argentinische Kultur zu interessieren, für die Ausdrucksformen junger Musiker, welche die Traditionen aufgreifen und zeitgemäß weiterentwickeln. Die alte Garde, sie wäre gewiß sehr stolz auf ihre musikalischen Enkel.

Das Abschlußkonzert am nächsten Abend findet im großen Saal der Hochschule statt, ein architektonisch wie akustisches Kleinod. Das Orquesta Típica eröffnet wieder den Abend mit Danzarín, Nostálgico, Barrio de Tango und Pa’ que bailen los muchachos. Dann darf das Cuarteto Rotterdam, das dritte komplette Ensemble unter den Teilnehmern, mit zwei kraftvollen Stücken überleiten zum Duo Fain-Mantega, die u.a. zu zweit Piazzollas Concierto para Quinteto zelebrieren. Nach der Pause spielt das Lehrerteam in verschiedenen Besetzungen, Klavier solo (Recuerdo), Klavier/Kontrabaß (A fuego lento), Klavier/Geige, Klavier/Baß/Bandoneon und dann das ganze Quintett mit Kompositionen von Ramiro Gallo und Raul Jaurena: Música de Buenos Aires – zeitgenössischer Tango auf höchstem Niveau! Jeder einzelne Musiker ist ein Meister auf seinem Instrument, gemeinsam sind sie einfach umwerfend. Wer es bedauert, das Quintett von Astor Piazzolla nicht erlebt zu haben, dem sei in Zukunft dieses ‚Quinteto TFM’ (Tango for Musicians) empfohlen.

Und der Abend ist noch lange nicht zu Ende: Auf der anschließenden Milonga wird gefühlt jede zweite Tanda zu live-Musik getanzt, der DJ kommt kaum gegen diese geballte Energie auf der Bühne an. Neben den festen Ensembles kommt der Parillakurs zum Einsatz, auf der Bühne wird mit allergrößter Spielfreude gejamt, was das Zeug hält. Ein unvergeßlicher Abend für Tänzer und Musiker.

Fazit: Super organisiert (tausend Dank an das Team von ¡Bailamos!), gelungenes Konzept, inspirierte Lehrer auf allerhöchstem Niveau, viele beglückende Augenblicke gemeinsamen Musizierens – gerne nächstes Jahr wieder in Europa!

*) Die Lösungen des Quiz: Aníbal Troilo, Carlos di Sarli, Hector Varela

Zum Autor: Max Peschek leitet das Tangostudio La Boca in Bremen (maxtango.eu) und ist zunehmend süchtig nach selbstgemachter Tangomusik.

Ressourcen für TangomusikantInnen

  • Die Kurse Tango for Musicians mit dem oben genannten Team: tangoformusicians.com
  • Método de Tango Lehrbücher für Kontrabaß, Violine, Klavier, Gitarre, Flöte, Bandoneon: www.metododetango.com.ar
  • Tutorials für Geige mit Jeremy Cohen (youtube)
  • Tutorials für Gitarre mit Julian Graciano (youtube)
  • Leadsheets • Libro Real del Tango Bd I-IV (Julián Graciano) und www.todotango.com
  • Arrangements für Sextet und Orchester von Korey Ireland: www.communitytangoorchestra.org
  • Allgemein für Arrangeure und Connoisseure: Julián Peralta: The Tango Orchestra. Fundamental Concepts and Techniques. Tanguero publishing 2008